Dialoge (I)

Zwei Personen. An irgendeinem Ort in der Welt. In irgendeinem Saal. Sie schmücken einen Tisch für eine große Feier. Sie unterhalten sich. Nennen wir sie einfach Person eins und zwei. Zwischendruch schaltet sich eine dritte Person ein. Aber das ist unwichtig.

eins: Na? Alles in Ordnung?
zwei: Na ja, meine Laune ist im Moment nicht die beste.
eins: Wieso?
zwei: Hmm, ach keine Ahnung. Er ist so komisch seit dem wir hier sind. Muss wohl an der Feier liegen…
eins: Tja, im Vorfeld so großer Veranstaltungen scheint es wohl immer mal die eine oder andere Reiberei zu geben…
zwei: Ach, bei wem kracht es denn?
eins: Caroline und Florian fetzen sich gerade. Er hätte im betrunken Zustand die Cousine von Max angegraben und jetzt hängt der “Haussegen” schief.
zwei: Irgendwie immer das gleiche, steck’ mehrere Menschen in einen Raum und gib ihnen ordentlich Alkohol und schon entwickelt sich die eine oder andere, sagen wir, spontane und unerwartete Geschichte…
eins: Ja, scheint so zu sein…
zwei: Weisst du, wenn es doch so einfach wäre wie bei Caro und Flo. Aber mein Feind scheint irgendwie unsichtbar zu sein. Irgendetwas geht ihm wohl durch den Kopf und schafft Distanz zwischen mir und ihm…er traut sich aber nicht, damit herauszurücken. Und ich bin in der wundervollen Position, ihn ständig fragen zu müssen, was denn sei, was er denn habe und ich bekomme keine wirkliche Antwort. Ich komme mir wie eine blöde Zicke vor, die ständig herummäkelt obwohl gar nichts zu sein scheint.
eins: Hmm, ich kann mir vorstellen wie nervig das ist…
zwei: Nun ja, seit dem wir hier sind, ist er so nachdenklich und unnahbar geworden. Zwischen ihm und seinen Eltern scheint aber alles ok zu sein. Im Job läufts auch ganz gut. Vielleicht hat er ja eine dunkle Vergangheit, die ihn gerade einholt…na ja, ok, das war jetzt ein bißchen Hollywood, der Grund für sein verändertes Verhalten ist wohl viel banaler, so ist es ja meistens, meine ich zumindest…
eins: Ja…ja, oftmals viel banaler…
zwei: Du kennst ihn doch auch aus früheren Tagen, vielleicht kennst du dieses Insichgekehrtsein!?
eins: Hmm, ja, irgendwie kenne ich das schon bei ihm, er brütet dann meist etwas aus…
zwei: Du meinst da kommt also was? Aber wann? Und was genau? Ich könnte platzen! Und jetzt taucht er noch nicht einmal hier auf um bei den Vorbereitungen zu helfen! So kenne ich ihn gar nicht. Obwohl, na ja, so lange sind wir auch nicht zusammen.
eins: Ich habe ihn gestern abend gesehen.
zwei: Hmm, was?
eins: Gestern abend, er war bei mir.
zwei: Ach echt? Er hatte gesagt, er ginge nur um den Block frische Luft schnappen. Er muss wohl spontan entschieden haben, bei dir vorbeizuschauen…
eins: Hmm, ja, spontan oder auch weniger spontan…
zwei: Wie meinst du das?
eins: Er kommt mich immer gleich besuchen, wenn er ankommt…
zwei: Ah, ein Ritual zwischen euch?
eins: Hmm, so könnte man es auch nennen…weisst du, ich mag dich irgendwie, du bist sehr nett, deshalb fällt es ihm wohl besonders schwer…
zwei: Wa…? Jetzt sprichst du für mich in Rätseln…was fällt ihm…?
drei: Hey ihr beiden Schwatztanten! Habt ihr schon die Blumen geholt? Die sollen nämlich in diese schönen kleinen Vasen rein, die ihr da so nett auf die Tische gestellt habt…
eins: Ach wirklich? Und ich dachte es wären Spucknäpfe…
drei: Sehr witzig! Holt mal bitte die Blumen, wir müssen fertig werden…wir haben nicht mehr viel Zeit!
eins: Was für ein Stress! Und der ganze Aufwand, alles, alles nur weil sich zwei Leute die ewige Treue geschworen haben… was ist? Wieso guckst du mich so an? Ist doch wahr oder!?
zwei: Auf dem Bild. Der zweite Mann im Hintergrund. Das bist du, oder!?
drei: Wovon redet er?
eins: Das muss dich nicht interessieren…mach weiter…wir holen gleich die Blumen, oder zumindest ich tue das…
drei: Mir egal, Hauptsache einer machts!
eins: In einer Stunde fährt ein Zug. Soll ich dich an den Bahnhof bringen?
zwei: Nein, danke, den Weg zum Bahnhof finde ich schon alleine…er hätte es mir wohl nie gesagt, stimmts…!?
eins: Das weiss ich nicht, er ist immer für eine Überraschung gut…
zwei: Ja, das ist er…

Person zwei dreht sich um und geht. Beim Öffnen der Tür weht ein Wind in den Saal. Einige Girlanden bewegen sich. Eine Serviette fällt zu Boden. Ein Kind, das sich zuvor schon im Saal befunden hat, wirft einen Ballon in die Luft. Eine Kerze fällt um. Sonst passiert nichts. Sonst nichts.

There is nothing like looking, if you want to find something. You certainly usually find something, if you look, but it is not always quite the something you were after.

dualpirat:

Acta Demo Aufruf 11. Februar 2012 in ganz Deutschland

Download des Videos zum reupload:
http://www.file-upload.net/download-4091082/acta_demo.wmv.html
Finde eine Demo in deiner Nähe hier:
Für weitere Infos und um rauszufinden in welchen Städten eine Demo geplant ist schaut hier vorbei:
http://wiki.stoppacta-protest.info
Der ACTA Vertragstext in Deutsch: LEST IHN!
http://register.consilium.europa.eu/pdf/de/11/st12/st12196.de11.pdf

(Source: youtube.com)

Der (vermeintliche) Tod der Liebe

Das arme Geschöpf lag schon seit einer ganzen Weile im Sterben. Der Boden, auf dem es zuvor kräftig gedeihen konnte, hatte alle Nährstoffe verloren. Und von Luft alleine konnte die Liebe nun wirklich nicht leben, entgegen anders lautender Äußerungen von eben jenen, die eine besonders romantische Idee von der Liebe hatten. Ein wenig Dünger und das Leben der Liebe wäre schon gerettet, behaupteten die einen, ein wenig Wasser und die Liebe würde von selbst gedeihen und sprießen, sagten die anderen. Nun, wenn man sich den Zustand der Liebe gerade anschaute, konnte man ganz und gar nicht zu dem Schluss kommen. Die Zugabe des einen wie des anderen hatte keinerlei Wirkung gezeigt. Der Liebe fehlte es wohl an allen möglichen Nährstoffen, sonst hätte sie sich schon längst wieder erholt. Eine Diskussion brach nun unter den vielen Stimmen aus, die alle jeweils zum Thema Liebe etwas zu sagen hatten. Man müsste doch nur einmal analysieren, von welchen Nährstoffen die Liebe abhängig wäre, dann könnte man ihr doch wieder auf die Beine helfen. Nun, genau hier lag das Problem. Viele Analysen wurden zuvor ja schon durchgeführt, der Nährboden der Liebe haargenau einer Untersuchung unterzogen. Alle möglichen Methoden wurden angewendet, sozialwissenschaftlicher, psychologischer, religiöser wie naturwissenschaftlicher Natur. Keine dieser Untersuchungen und Methoden brachte ein aussagekräftiges Ergebnis, aus dem sich ein allgemeingültiges Gesetz ableiten ließe. Da haben wir den Salat, meinte eine dieser Stimmen, jetzt existiert das Geschöpf namens Liebe schon so lange, mehr oder weniger jeder kennt eben jene solche und niemand weiss eine wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnis zum Besten geben zu können. Die Liebe lag darnieder, konnte sich kaum mehr bewegen und atme so schwer, dass man jederzeit mit ihrem Ableben rechnen musste. Eine grausiges Bild bot sich einem dar. Und die Ratlosigkeit war groß. Vielleicht müsste man gezielt in die Vergangenheit der Liebe schauen, um festzustellen, was sie gedeihen ließ und woran sie eventuell gelitten hat, meinte eine sehr feine und leise Stimme, so leise übrigens dass man sie fast überhört hätte. Nun, in der Akte fanden sich einige fruchtbare Hinweise. Dinge, Ereignisse, Worte wie Taten, eben all jenes was der Liebe im Laufe der Zeit zugeführt wurde und was sie ordentlich wachsen ließ. Nun begann eine hektische Betriebsamkeit, man suchte alles mögliche zusammen, alle Zutaten der Vergangenheit, die der Liebe damals gut taten und man schaute erwartungsvoll zu, welche Wirkung dieses Experiment hatte. Das Ergebnis dieser Versuche ließ nicht lange auf sich warten oder besser gesagt, es ließ einen unendlich lange darauf warten. Denn es tat sich nichts, null Komma null. Rein gar nichts. Die Liebe atmete immer noch so schwer und langsam wie zuvor. Welch ein Graus! Alle Stimmen schütteltet nun vor lauter Ratlosigkeit den Kopf, soweit Stimmen überhaupt mit dem Kopf schütteln konnten. Es gäbe nur noch eine Lösung, meinte plötzlich eine Stimme und alle anderen Stimmen verstummten erwartungsvoll. Die Doktoren müssten her. Die Doktoren? Fragten sich einige der Stimmen und sahen sich zweifelnd an, soweit sie auch hier natürlich in der Lage waren, sich gegenseitig in die Augen zu schauen. Ja, die Doktoren. Ruft die Doktoren. Eine Stimme verließ den Raum sogleich und es muss nicht extra darauf hingewiesen werden, dass dies nur möglich schien, soweit eben jene Stimme mindestens zwei Beine hatte und die Handlung des Laufens in die Tat umzusetzen konnte. Es verging eine ganze Weile, bis die Stimme, die zuvor weggeeilt war, pustend und schnaufend und nach Luft ringend wieder zurückgekehrt war und atemlos verkündete: sie sind unterwegs. Na wenn die das nicht schaffen, dann sind wir mit unserem Latein am Ende, sagte eine besonders kritisch eingestellte Stimme und ein gemischtes Gefühl von Hoffnung in die Wirkung eines ärztlichen Rates und von der Angst, auch die Anstrengungen der Ärzte könnte zu keinem gewünschten Ergebnis führen, verbreitete sich unter den vielen Stimmen. Plötzlich drehten sich alle Stimmen um und ein Triumvirat ärztlicher Weisheit betrat den Raum. Darf ich vorstellen, sagte eine Stimme, Dr. Capellanus, Dr. Stendhal und Dr. Fromm. Alle drei nickten den anwesenden Stimmen zu, und begannen sofort mit ihren Untersuchungen. Ein heilloses Wirrwarr von Diagnosen, Ratschlägen und Bekundungen von Sofortmaßnahmen schwirrten plötzlich durch die Luft und die anwesenden Stimmen, die zufälligerweise Stift und Schreibblock zur Hand hatten, fingen an, so detailliert wie möglich die Anweisungen der Doktoren zu notieren. Ein recht schwieriges Unterfangen, denn die Doktoren begannen eine Diskussion untereinander und äußerten jeweils widersprechende Maßnahmen zur Wiederbelebung der Liebe. Während die Gelehrten hitzig debattierend den Raum wieder verließen, verbreitete sich eine gewisse Hoffnungslosigkeit unter den Stimmen. Sollte man nun wirklich besagtes anwenden und welche jener zuvor von den Doktoren vorgeschlagene Maßnahmen sollten man denn nun anwenden, fragten sich die Stimmen. Alle auf einmal oder in einer bestimmten Reihenfolge? Die Liebe bekam just in jenem Moment einen ordentlichen Hustenanfall, musste ausspucken und verlangte nach einem Schluck Wasser. Noch schien ein Rest an Kraft in ihr innezuwohnen. Man setzte sie kurz auf, schüttelte das Kissen zurecht und gab ihr einen ordentlichen Schluck Wasser. Man musste mit dem Schlimmsten rechnen. Plötzlich erblickte die Liebe etwas. Alle Stimmen drehten sich um, konnten jedoch nicht sehen, wohin die Liebe schaute und was sie erblickt hatte. Ein Glanz zeichnete sich plötzlich in den Augen der Liebe ab, sie lehnte die Aufforderung, sich wieder hinzulegen oder einen weiteren Schluck Wasser zu nehmen, ab, setzte sich gerade auf und ein Lächeln umspielte plötzlich ihren Mund. Was war geschehen? Alle Stimmen schauten sich fragend an. Plötzlich und wie aus heiterem Himmel sprang die Liebe aus ihrem Bett, schüttelte den einen oder anderen Fussel ab, zupfte ihre Kleidung zurecht und ging hüpfend, pfeifend und schließlich auch singend aus dem Zimmer. Erstaunt schaute man sich an. Die eine oder andere Stimme kicherte vor Verwunderung. Eine Stimme war jedoch ob dieses Spektakels geradezu verärgert. Eben liegt das arme Geschöpf noch sterbend im Bett und nun spaziert es fröhlich aus dem Zimmer! Das kann doch nicht wahr sein, sagte die Stimme erbost. Die anderen Stimmen, froh über die plötzliche Genesung der Liebe, fingen zu prusten und zu lachen an und klopften sich gegenseitig auf die Schulter. Die Liebe soll einer mal verstehen, erklärten sie und gingen sich erst einmal ein ordentliches Glas Wein genehmigen. Man wüsste ja nie, wie lange dieser Zustand anhalten würde, bemerkte noch die leiseste unter den Stimmen kritisch…aber das ging in dem ganzen Jubel und Trubel unter…verständlicherweise…

welcome 2012

may the letters flow… may the words fly… may the thoughts go there where no one has gone before… :-) 


A few times in my life I’ve had moments of absolute clarity, when for a few brief seconds the silence drowns out the noise and I can feel rather than think, and things seem so sharp and the world seems so fresh. I can never make these moments last. I cling to them, but like everything, they fade. I have lived my life on these moments. They pull me back to the present, and I realize that everything is exactly the way it was meant to be.
Tagträume

Worauf wartete ich? Ich war mir nicht ganz sicher. Es war ein Tag wie jeder andere. Ich saß hinter einer Glasscheibe und beobachtete die Menschen, die an meinem Schalter vorbeiliefen. Es waren ziemlich viele. Hatte ich irgendetwas nicht mitbekommen? War heute eine besondere Veranstaltung in der Stadt, von der ich keine Ahnung hatte? „Eine Monatskarte ab neun Uhr“, sagte der Kunde, der an meinen Schalter getreten war. Ich hatte ihn zwar kommen sehen, jedoch war ich nicht schnell genug vom Tagtraummodus in den Verkaufsmodus gewechselt. Ich gab den Preis von 60 Euro 80 nur sehr stammelnd von mir und sah wohl dabei ziemlich verwirrt aus. Der junge Mann musste wegen meiner extrem verzögerten Reaktion lächeln. Zumindest dachte ich, dass er es deswegen tat. Er gab mir 70 Euro. Wenn ich mich in solch einem Verwirrungszustand befand, musste ich immer besonders gut aufpassen, das richtige Restgeld herauszugeben. „9 Euro 20 zurück und ihre 9-Uhr-Monatskarte“, sagte ich und war froh, die Transaktion ohne Pannen hinbekommen zu haben. Der Kunde entfernte sich vom Schalter und ich konnte getrost wieder in den Tagtraummodus wechseln. Dies war auch die einzige Möglichkeit den Tag halbwegs gut zu überstehen. Die Tagträume hielten mich über Wasser. Der Job war einfach nichts für mich und das wusste ich von Anfang an.

Die Menschen liefen weiterhin zahlreich und zügig an meinem Schalter vorbei und ich beobachtete sie eine Weile. Man wusste ja nie, wann der nächste Kunde wiederkam und dieses Mal wollte ich besser vorbereitet sein. Es kam niemand. Gut, ich konnte mich getrost wieder meinen Tagträumen widmen. Wo war ich stehengeblieben? Diese Frage stellte ich mir oft. Mir gefiel es bei den Tagträumen wieder dort anzuknüpfen, wo ich zuvor stehengeblieben war. Es war jedoch schwierig wieder hineinzufinden. Man musste sich Brücken bauen, indem man sich Namen, Orte oder Gefühlszustände merkte. Oftmals klappte das gut, manchmal jedoch nicht, gegebenenfalls musste man von vorne anfangen oder sich einen gänzlich neuen Traum ausdenken. Was hatte ich bloß wieder geträumt? Hatte ich mal wieder die Welt vor dem Untergang gerettet? Eine geniale Entdeckung gemacht, die mir Ruhm eingebracht hatte? War ich mal wieder in diesen interstellaren Krieg geraten, bei dem ich eine Gruppe Kinder von einem umkämpften Planeten ausfliegen musste? Oder hatte ich mal wieder eine Affäre mit dem Chef der Abteilung? Bei diesem Thema musste ich doch immer sehr über mich lachen. Was für Phantasien! Meist waren das heiße Zusammenkünfte in Hotelzimmern, in Aufzügen oder an anderen ungewöhnlichen Orten. Ich vermied jedoch eher diese Art der Tagträume. Es war ziemlich blöd, wenn man gerade wirklich mittendrin war und dann von einem Kunden mit der Frage gestört wurde, mit welcher U-Bahn es zum Hauptbahnhof ginge. Unglaublich! Wusste er denn nicht, dass mein Abteilungschef mich gerade in die Besenkammer gezogen hatte und anfing mir das Hemd auszuziehen? Oder mich gerade in einem engen Gang an die Wand drückte und mir einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen presste? Banause!

Wie es schien, hatte ich den Faden verloren. Ich musste mir eine neue Geschichte ausdenken. Was sollte es dieses Mal sein? Vielleicht doch mal wieder eine Liebesgeschichte? Ich seufzte innerlich und malte mir schon aus, wie ich zufällig, und zwar total zufällig, in einer Buchhandlung auf einen echt hübschen Kerl traf und über etwas total tiefgründiges ins Gespräch kam. Aber dieses Mal, ja dieses Mal funktionierte das nicht. Ich entsann mich der letzten Begegnung mit einem netten Mann in einer Buchhandlung und das war alles andere als tiefgründig. Nicht nur dass ich ziemlich banale Dinge von mir gab, ich stotterte auch noch dabei und ich stottere sonst nie. Welcher Gott im Olymp auch immer auf die Idee kam mir plötzlich die Gabe des Stotterns zu Teil werden zu lassen, der musste ein recht grausamer Gott sein. Ich wurde nämlich ziemlich rot und verschwand so schnell es ging im nächsten Gang. Ich musste natürlich so tun, als würde ich mich nun für die Bücher interessieren, die gerade vor mir im Regal standen. Na super, dachte ich, Fischzucht. Ich zog eines der Bücher heraus und las wirklich was in dem Buch stand, um es so authentisch wie möglich aussehen zu lassen. Ich war recht überrascht. Es war wirklich sehr viel, was bei der Zucht von Wildlachs zu beachten war. Ich beschloss ab jenem Tag, dass einzig allein die Beschäftigung mit der Fischzucht der Ausweg aus peinlichen Situationen war und überlegte, ob ich mir nicht ein kleines Taschenbuch zulegte. Letzteres musste wohl überlegt sein, denn es war nicht so einfach auf der Tanzfläche eines Clubs zum Beispiel solch ein Taschenbuch zu zücken ohne als völlig verrückter Mensch eingeordnet zu werden. Meine Gedankengänge begannen sich allmählich zu verirren wie ich bemerkte. Zur meinen eigenen Erleichterung trat ein Kunde an meine Theke heran. “Ähm, Entschuldigung, wie viel kostet eine 9-Uhr-Monatskarte nochmal?”, fragte der Kunde und schaute zweifelnd auf seine Monatskarte. Ich fragte mich, ob der junge Mann nicht eben schon bei mir an der Kasse war und eben jene Monatskarte gekauft hatte. Warum fragte er jetzt noch einmal nach dem Preis? “60 Euro 80. Steht auch auf der Monatskarte drauf”, antwortete ich prompt. Der Kunde schaute mich zuerst verwirrt an, ohne mir direkt in die Augen zu schauen und lächelte dann verlegen. “Ach so, ja stimmt, hier steht’s…ähm, ja, danke…”, sagte er noch, drehte sich um und ging schnellen Schrittes davon.

So konnte man sich wirklich nicht auf einen neuen Tragtraum konzentrieren. Auch wenn die Erscheinung, der Kunde, sehr sympathisch schien, durch diese Art der Unterbrechungen konnte man sich einfach nicht auf ein neues Thema einlassen. Vielleicht brauchte ich ein hartes Thema, so etwas mit Mord und Totschlag oder mit Krieg. Ich hatte doch mal so einen Tagtraum mit der Geschichte einer Flucht. War das nicht so gewesen, dass ich als Flüchtling in einem Militärlager lebte und ich plötzlich mit einer Gruppe von Menschen in die Berge fliehen musste, weil das Lager angegriffen wurde? Ich bekam die Geschichte nicht wirklich wieder zusammen. War es im alten Rom oder doch schon im Mittelalter? Oder waren schon Laserwaffen im Spiel? Das waren gar nicht so unwichtige Fragen. Die Wahl der Waffen konnte über den Verlauf einer ganzen Geschichte entscheiden. Ich konnte mich mal wieder nicht entscheiden. Das waren die blödesten Momente auf der Suche nach dem Traum des Tages. Vielleicht sollte ich es dieses Mal einfach aufgeben. Es gab Tage, an denen funktionierte es nunmal nicht. Die Alternative, stumpfsinnig einfach gerade aus in die Leere zu schauen, war natürlich nicht besonders verlockend. Und ein Buch zu lesen, war uns nicht erlaubt. Wir sollten uns auf die Arbeit konzentrieren. Gut, dachte ich, ich suche mir einfach einen Punkt, irgendwo da draussen in der Vorhalle der Verkaufsstelle und zähle die unerlaubt angeklebten Aufkleber an der Wand gegenüber. Manchmal entdeckte man wirklich lustige kleine Bilder, zum Nachdenken anregende kleine Texte oder mal wieder dieses recht merkwürdige Gespenstergesicht, dass seit einer Weile überall in der Stadt auftauchte. Ich wartete ja schon seit einer ganze Weile darauf, dass ich es auch in unserer Verkaufsstelle zu Gesicht bekam, wobei dies sehr schwierig zu bewerkstelligen war. Wir schlossen ja die Vorhalle abends und die Nacht über zu.

Ich scannte also die Wand gegenüber nach einer neuen “Message” oder nach einem neuen Aufkleber. Kein Erfolg, ich kannte schon so gut wie alle. Nun, wie es aussah, musste ich wohl vor Langeweile sterben. Ich stellte mir, vor wie meine grauen Gehirnzellen einen langsamen und qualvollen Tod starben. Eine nach der anderen. Und wie ich immer mehr zu einem Wesen degenerierte, das nur noch irgendwelche Befehle annahm und nur noch zu Dingen fähig war, wie essen, trinken und schlafen. Man musste mich an die Hand nehmen und ganz freundlich auf mich einreden, damit ich mich auf meinen Stuhl am Arbeitsplatz setzte und meine Kasse zählte. Eins, zwei, drei…was kam nochmal nach der drei? Der nette Helfer reichte mir eine Zählmaschine, die das Zählen der Kasse für mich übernahm. Ich guckte den Helfer an und stammelte nur etwas von…schwer…sehr schwer. Ich musste wohl nicht nur innerlich wegen dieses Bildes im Kopf lächeln. Mir gegenüber an der Wand, lächelte mich etwas zurück. Zumindest kam es mir so vor, dass mich jemand oder etwas anlächelte. Ein Gesicht. Aber was war das genau? Ein Gespenst? Ich war verblüfft. Ein Gespenstermaske schaute von der Wand zu mir herüber. Es war ein Mann, der mit der Hand eine Maske vors Gesicht hielt. Zuerst war ich total irritiert, doch dann musste ich losprusten. Wer kam bloss auf die Idee, sich mit einer Gespenstermaske vor die Verkaufstelle des öffentlichen Nahverkehrs zu stellen? Sollte das eine Protestaktion sein? Ich schaute mich um und bemerkte, das sonst niemand anderes in der Vorhalle war und auch meine zwei anderen Kolleginnen waren gerade nicht zugegegen. Waren beide gleichzeitig in Pause gegangen? Ich schaute wieder geradeaus und sah, dass das Gespenstergesicht sich langsam und allmählich auf mich zubewegte. Eine Gänsehaut bereitete sich auf meinem Körper aus und ich machte schon anstalten, die Flucht anzutreten. Ich hielt inne. Ich war ja schließlich durch eine Fensterscheibe von dem fremden Mann mit der Maske getrennt. Es gab also keinen Grund zu fliehen.

Die Maske war nun direkt vor meinem Schalter zum Stehen gekommen. Sie sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Ich zögerte zuerst, doch dann schaltete ich das Mikrofon ein. Ich wartete darauf, dass die Maske die Worte wiederholte. Mir wurde plötzlich schwindelig. “Alles in Ordnung?”, fragte die Maske. Was war bloss los mit mir, fragte ich mich. “Ich habe Sie gerade etwas gefragt…und…und Sie haben losgelacht… und…und jetzt gucken Sie mich wie ein Auto an. Ist alles in Ordnung?”, fragte das Gespenstergesicht. Ich schüttelte kurz meinen Kopf, so also wollte ich die Verwirrung aus meinem Kopf verscheuchen und gleichzeit ein Nein mit meiner Kopfbewegung signalisieren. Als ich damit fertig war, guckte ich den Sprecher wieder an und war überrascht. Die Maske war verschwunden. Nur der Kerl, der mich vorhin nach dem Preis der 9-Uhr-Monatskarte fragte, stand vor meinem Schalter und wartete auf meine Antwort. Sein Blick war direkt auf mich gerichtet und ich las eine Mischung aus Verwunderung und leichtem beleidigt sein heraus. Das Gesicht des Kerls war ein wenig errötet, so als ob ihm das Gespräch auch irgendwie peinlich war. “Äh…ja”, ich fing schon wieder zu stottern an und verfluchte alle Götter des Olymps, “äh, wie war no…nochmal die Fr…Frage?” Dem Kerl war sichtlich anzusehen, dass ihm die Wiederholung der Frage einiges an Überwindung kostete. Er seufzte tief und sprach schließlich: “Ich…ähm…ich habe gefragt, ob Sie mit mir einen Kaffee trinken gehen wollen… wenn Sie Feierabend haben?” Nun verstand ich gar nichts mehr. Eben stand noch ein Gespenst vor mir und nun dieser gutaussehnde Mensch, der irgend etwas von Kaffee trinken gehen sagte. Man musste mir wohl meine Ratlosigkeit im Gesicht ansehen. Denn der Kerl schaute zu Boden und machte schon Anstalten zu gehen. Ich bemerkte, wie die Blicke der anderen Kunden, die diese Szene mitbekommen hatten und die meiner Kolleginnen auf mich ruhten. Ein leises “los, mach schon” war zu hören. Ich war mir nicht sicher von wem das kam, von meiner Kollegin oder von einem Kunden. “Äh… warte…ja, ich habe in circa einer Stunde Feierabend. Treffen wir uns vor dem Eingang? In einer Stunde?” Der Kerl nickte, lächelte, drehte sich langsam um und ging hinaus. “Der sieht doch echt schnuckelig aus? Warum haste denn so lange gezögert? Und die Aktion mit dem Lachen war ja wohl ziemlich daneben!” Ich guckte meine Kollegin an und nickte zustimmend. Ich war immer noch total verwirrt. Sie lachte, legte ihre Hand auf meinen Kopf und verwurschtelte meine Frisur. “Du bist mir einer!”, sagte sie kopfschüttelnd. Ich stellte das Schild mit der Aufschrift “Bin gleich wieder für Sie da” an meinem Schalter auf und ging nach hinten in die kleine Mitarbeiterküche, um mir einen Schluck Wasser zu holen. Während ich trank ging mir der merkwürdige Tagtraum mit der Gespenstermaske durch den Kopf. So realistisch wie dieses Mal, war es noch nie gewesen. Ich bekam wieder eine Gänsehaut und beschloss, fürs Erste Schluss mit den Tagträumen zu machen. Fürs Erste…

Eine Stunde später verliess ich endlich die Verkaufsstelle. Ich schaute mich vor dem Eingang um. Da saß er nun, der gutaussehende Kerl. Auf der Bank vor dem Eingang sitzend und malte irgendetwas auf das Blatt seines Notizblockes. Ich ging zu ihm hinüber und, um auf mich aufmerksam zu machen, fragte ich: “Na, was malt der Künstler denn heute?”. Er erwiderte meine Frage mit einem Lächeln und drehte seinen Block so, dass ich sehen konnte, was er gemalt hatte: ein Gespenstergesicht.